5. Sinfoniekonzert

Wolfgang Amadeus Mozart
Klarinettenkonzert A-Dur KV 622
Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 1 D-Dur
Orchesterdirektor Martin Weller über das 5. Sinfoniekonzert bei Radio Okerwelle


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Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur entstand im September / Oktober 1791, wenige Monate vor seinem Tod am 5. Dezember und inmitten der erfolgreichen Aufführungsserie der »Zauberflöte«. In jenen Wochen schien es,als ob sich Mozarts Situation noch einmal zum Glücklichen wenden könnte, und so hat auch dieses Werk nicht den Schimmer einer Todesahnung: Die Aura eines »letzten Werkes« fehlt durchaus. Sie wird heute dagegen dem unvollendeten »Requiem« hinzu gedeutet,das in der Tat sein letztes Werk wurde, doch auch da konnte Mozart nicht ahnen, dass ihn eine (vermutliche) Virusinfektion so schnell hinwegraffen würde.

Das Klarinettenkonzert war ebenso wie das zwei Jahre zuvor entstandene Klarinettenquintett angeregt von seinem Freund Anton Stadler. Stadler war Musiker im Orchester des Burgtheaters und gehörte zu den Musikern, die das bis dahin vor allem in Militär- und Tanzorchestern heimische Instrument in Wien in die sinfonische Praxiseinführten. Wolfgang Amadeus Mozart hörte zum ersten Mal 1778 in Mannheim Sinfonien mit Klarinetten von Carl Stamitz und schrieb an seinen Vater: »Ach, wenn wir nur clarinetti hätten! – sie glauben nicht was eine sinfonie mit flauten, oboen und clarinetteneinen herrlichen Effect macht!« Er selbst verwandte sie zunächst in seinen Opern und führte sie erst 1788 in seine Sinfonik ein. Das war nicht zuletzt Stadler zu verdanken, dessen klangschönes Spiel ihn bezauberte. Stadler vervollkommnete nicht nur die Spieltechnik, sondern auch die Bauweise seines Instruments und erweiterte dessen Tonumfang um eine Terz nach unten, so dass nun A statt C der tiefsteTon war, und deshalb stehen auch Mozarts Klarinetten-Kompositionen in A-Dur.

Die erste Gedenktafel für Gustav Mahler gab es in Leipzig. Bereits in Mahlers Sterbejahr 1911 wurde sie am Eingang der Gustav-Adolf-Straße12, Mahlers Leipziger Wohnung, angebracht: »Hier schrieb Gustav Mahler seine Erste Symphonie«, steht darauf. Hier begann ein Entstehungs-Kreislauf, der durch halb Europa führte. Die ersten Takte schrieb Mahler nicht in Leipzig, sondern während seiner Kapellmeisterjahre in Kassel und Prag. Sie waren eine sinfonische Paraphrase der »Lieder eines fahrenden Gesellen«, dem Kasseler Meisterwerk von 1883. Dieses Werk geht zurück bis in das ungarische Dorf Puszta-Batta, wo Mahler sich 1879 als mittelloser Klavierlehrer durchschlug und seinem ungewissen Künstlerleben sozusagen das Horoskop stellte. Dort stand der Lindenbaum, unter dem er von seiner blauäugigen Liebe träumte, einem Mädchen namens Pauline aus dem Dorf Morovan bei Iglau/Jihlava, seiner Heimatstadt. An seinen Freund Josef Steiner schrieb er damals:  »Doch wenn ich des Abendshinausgehe auf die Heide und einen Lindenbaum, der dort steht,ersteige, und ich sehe vom Wipfel meines Freundes in die Welt hinaus:... Überall Ruhe! Heiligste Ruhe! Nur von fern her tönt der melancholische Ruf der Unke, die traurig im Rohre sitzt. – Daziehen die blassen Gestalten meines Lebens wie der Schatten längstvergangnen Glücks an mir vorüber, und in meinen Ohren erklingt das Lied der Sehnsucht wieder.«

»Die zwei blauen Augen von meinemSchatz« lächeln uns aus den »Liedern eines fahrenden Gesellen« an, mit ihnen beginnt das dritte Lied, in dem es dann in einer schmerzlich-süßen Wendung heißt: »Auf der Straße stand ein Lindenbaum, da hab ich zum ersten Mal im Schlaf geruht.« Diese Reminiszenz erscheint in der 1. Sinfonie, im Trio des 3. Satzes. Die ungarische Puszta und die böhmischen Wälder sind die Landschaften dieser Sinfonie. Sie gehört mit den »Liedern eines fahrenden Gesellen« und mit dem »Klagenden Lied« zu den »böhmischen Werken« Mahlers.

Noch eine andere Landschaft ist in die Notenschrift eingegraben, die norditalienische Literaturlandschaft von Jean Pauls Roman »Titan«, der zu Mahlers Lieblingsbüchern zählte. Die malerische Alpenlandschaft wurde unter Jean Pauls romantischer Feder zu einer blühenden und brennenden Seelenlandschaft. Die Verbindung von Enthusiasmus und Ironie, Überschwang und Skurrilität, die uns heute so schwer lesbar scheint, faszinierte die Leser des 19.Jahrhunderts, und so auch Mahler. Ihm gebührt der Ehrenname eines »Jean Paul der Musik«, denn er war der erste, der Humor, Ironie, Spott und Hohn in die Sinfonie einführte.

am 20. und 21. Januar 2013

Stadthalle


Staatstheater Braunschweig, 5. Sinfoniekonzert, Foto: