8. Sinfoniekonzert

Richard Wagner
Sinfonie in E-Dur WWV 35 Fragment
Sergej Prokofjew
Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 19
Johannes Brahms
Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68
Einführung zum Programm des 8. Sinfoniekonzertes von Orchesterdirektor Martin Weller auf Radio Okerwelle


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Nicht mit einem Musikdrama, mit einer Sinfonie trat der 19-jährige Richard Wagner in die Musikwelt ein. Am 10. Januar 1833 erhielt er im Leipziger Gewandhaus seinen musikalischen Ritterschlag – die Aufführung seiner ersten und einzigen Sinfonie. Zwei Probeaufführungen in Prag und in der Leipziger Musikgesellschaft »Euterpe« waren vorangegangen. Noch eine Würzburger Aufführung folgte, dann wurde es still um sie. Erst zu Weihnachten 1882 folgte die nächste Aufführung: in Venedig, zwei Monate vor Wagners Tod. Dazwischen lagen 50 Jahre, in denen »Rienzi«, »Der fliegende Holländer«, »Tannhäuser«, »Lohengrin«, »Tristan und Isolde«, »Die Meistersinger von Nürnberg«, »Der Ring des Nibelungen« und »Parsifal« entstanden. Die Jugendsinfonie rahmte ein gigantisches Werk. Selbst war es allerdings kaum mehr als eine Talentprobe, gebaut nach dem bewunderten Vorbild von Beethovens 7. Sinfonie. In Wagners jugendlicher Fantasie verknüpfte sich die Beethovensche Musik mit Macbeth, Othello oder Hamlet. »Dieses [Beethoven-] Bild floss mit dem Shakespeares in mir zusammen«, wird Wagner später berichten. »In ekstatischen Träumen begegnete ich beiden, sah und sprach sie; beim Erwachen badete ich in Tränen.« Diese theatralische Erschütterung vernehmen wir in dem frühen Werk. Es ist keine Programmsinfonie, doch ihre Mittel scheinen eher der Oper als der Sinfonik entnommen.

Auch Sergej Prokofjews 1. Violinkonzert war ein Jugendwerk; er entwarf es als 24-Jähriger, die Uraufführung war für den November 1917 geplant. Wegen der Oktoberrevolution musste sie verschoben werden. Prokofjew war ein janusköpfiger Komponist; nebeneinander pflegte er einen radikal avantgardistischen und einen neoklassizistischen Stil. Parallel entstanden damals dieses neoklassizistische Konzert und die »Symphonie classique« und als Antithese das avantgardistische Ballett »Ala und Lolli« und die »Skytische Suite«, mit denen er Strawinskys »Le Sacre du Printemps« übertrumpfte. Das Violinkonzert beschwört inmitten des Krieges eine friedliche Idylle. David Oistrach wird es später »wie eine Landschaft von Sonnenlicht übergossen, vom frischen Duft einer Naturstimmung durchweht« empfinden. 1918 kehrte Prokofjew Russland den Rücken und emigrierte zunächst in das bayerische Ettal, später nach Paris, und dort fand endlich die Uraufführung des Violinkonzertes statt. Unter der musikalischen Leitung von Sergej Koussewitzky spielte der Konzertmeister Marcel Darieux, weil die berühmteren Virtuosen, darunter Bronislaw Huberman, es abgelehnt hatten. Drei Tage nach der Pariser Uraufführung gab es die Moskauer Premiere des Werkes in einer Klavierfassung mit zwei wesentlich berühmteren Solisten – dem Geiger Nathan Milstein und dem Pianisten Wladimir Horowitz.

Johannes Brahms tat sich schwer mit seiner 1. Sinfonie. Als sie uraufgeführt wurde, war er bereits 43 Jahre alt und ein berühmter Mann. Auch ereignete sich diese Uraufführung keineswegs in Wien, sondern am 4. November 1876 in Karlsruhe unter Otto Dessoff. Wien war für Uraufführungen ein heißes Pflaster, was hier durchfiel, war »erledigt«. Erfolge wurde in der Provinz geboren. Das war bei Brahms und Mahler, bei Dvorák und Bruckner ähnlich. Streng genommen handelt es sich bei der c-Moll-Sinfonie um zwei Werke, denn der 1. Satz entstand schon 1862, und Brahms ließ ihn 14 Jahre liegen, ehe er die anderen drei Sätze hinzufügte und dem Kopfsatz eine langsame, pathetische Einleitung hinzufügte. Die massive Klangsprache der Ecksätze weicht in den Mittelsätzen einem filigraneren Stil. Das Finale weiß beide Elemente zu verbinden – das Düstere, Massive mit dem Heiteren, Idyllischen. Manchmal glaubt man geradezu in eine Beethovensche Partitur zu blicken, was Wagners Spott herausforderte, der 1879 schrieb: »Ich kenne berühmte Komponisten, die ihr bei Konzertmaskeraden heute in der Larve des Bänkelsängers (›an allen meinen Leiden‹), morgen mit der Hallelujah-Perücke Händels, ein anderes Mal als jüdischen Czardas-Aufspieler und dann wieder als grundgediegene Symphonisten in eine Numero Zehn verkleidet antreffen könnt.« Das »Deutsche Requiem«, die »Ungarischen Tänze«, die c-Moll-Sinfonie, die Wagner als die »Zehnte Beethovens« apostrophiert, werden als unzeitgemäß verspottet. Dass seine eigene 1. Sinfonie seinerzeit einen ähnlichen, allerdings ungleich epigonaleren Beethoven-Bezug hatte, vergaß er in diesem Zusammenhang zu erwähnen.

am 14. und 15. April 2013

Stadthalle


Staatstheater Braunschweig, 8. Sinfoniekonzert, Foto: © Karl-Bernd Karwasz