9. Sinfoniekonzert

Arnold Schönberg
»Gurre-Lieder«
Der bedeutende Wiener Architekt Adolf Loos, der das Wort vom Ornament als Verbrechen prägte, war ein begeisterter Parteigänger Arnold Schönbergs. Über die »Gurrelieder« sagte er: »Die Krokodile sehen einen menschlichen Embryo und sagen: Es ist ein Krokodil. Die Menschen sehen denselben Embryo und sagen: Es ist ein Mensch. Von den Gurreliedern sagen die Krokodile, es wäre Richard Wagner. Aber die Menschen fühlen nach den ersten Takten das unerhört Neue und sagen: Das ist Arnold Schönberg!«

Die »Gurrelieder« wurden 1900/1901 komponiert, zwischen dem Streichsextett »Verklärte Nacht« und der sinfonischen Dichtung »Pelléas et Mélisande«, aufgführt wurden sie jedoch erst 1913 in Wien unter der Leitung von Franz Schreker. Schönbergs Schüler Alban Berg hatte die Aufführung mit einer umfangreichen Einführung begleitet. DasPublikum, bei dem Schönberg als ein atonaler Verrückter verschrien war, war verblüfft über die Kraft und den Wohlklang dieses Werkes, den es für »wagnerisch« hielt. Es hätte auch auf Gustav Mahlers »Klagendes Lied« verweisen können. Schönberg hatte Wagners wie Mahlers Partituren gründlich studiert und beabsichtigte zweifellos, ein monumentales Werk in ihrer Tradition zu schaffen. Die Geschichte entnahm er einer Erzählung des dänischen Dichters Jens Peter Jacobsen. Es ist die Legende vom König Waldemar und seiner Liebe zu dem Mädchen Tove Lille (»kleine Taube«), das die Königin Helvig aus Eifersucht umbringen lässt. Er aber will den Tod nicht hinnehmen, und in einer blasphemischen »Wilden Jagd« stürmt er mit den Toten, die ihren Gräbern entsteigen, den Himmel und fordert seine Liebe zurück. Mit einem Triumphgesang des Lebens und des Sieges der Liebe über den Tod endet das Werk:

                »Sehet die Sonne,
                Farbenfroh am Himmelssaum,
                Östlich grüßt ihr Morgentraum!
                Lächelnd kommt sie aufgestiegen
                Aus den Fluten der Nacht,
                Lässt von lichter Stirne fliegen
                Strahlenlockenpracht!«


Ganz anders als in den meisten anderen Werken Schönbergs, die mit einem Kammer-Ensemble auskommen, ist diese Partitur gigantisch besetzt und entfaltet eine Klangpracht, die alles bis dahin Dagewesene übertrifft. Es werden verlangt: fünf Solisten (Sopran, Alt, zweiTenöre, Bass), ein Sprecher, drei vierstimmige Männerchöre, ein achtstimmiger gemischter Chor und ein Riesenorchester von rund 140 Instrumentalisten, darunter allein acht Flöten, zehn Hörner, vier Harfen und 80 Streicher. Dieser gewaltige Klangapparat wird jedoch nur an wenigen Stellen massiv eingesetzt. Oft lässt Schönberg in großer Transparenz musizieren und gewinnt durch wechselnde Instrumenten-Kombinationen immer neue Effekte. In der Erfindung neuer Klangfarben ist er unerschöpflich. Neu war auch seine Art des Sprechgesangs. Zwar kannte man schon lange das Melodram, die vom Orchester begleitete Rezitation. Aber dort agierte der Schauspieler rhythmisch frei und die Musiker richteten sich nach ihm. Schönberg legte dagegen die Rhythmen und ungefähren Tonhöhen des Sprecher-Parts fest und erzeugte so einen neuartigen, ekstatischen Sprechgesang. In den Melodramen des »Pierrot lunaire«, der ebenfalls 1913 entstand, und später noch in dem Opern-Fragment »Moses und Aron« hat er diese expressionistische Sprechtechnik zu virtuoser Vollendung geführt.

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Das Konzert steht im Kontext des Kulturprojektes »1913 – Braunschweig zwischen Monarchie und Moderne« der Stadt Braunschweig.
 
 


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am 12. und 13. Mai 2013

Stadthalle


Staatstheater Braunschweig, 9. Sinfoniekonzert, Foto: © Karl-Bernd Karwasz