Der starke Stamm

von Marieluise Fleißer
»Mit der Präzision eines Uhrwerks hat Julia Hölscher (...) jede Geste, jedes Wimpernzucken festgelegt.«
Theaterheute
»Heute bin ich nicht mehr so jung, wie ich es mir wünsche. Aber ich gebe mich noch nicht geschlagen«, schreibt die 65-jährige Fleißer 1966 ins Programmheft zum »Starken Stamm« an der Schaubühne Berlin. Das Bekenntnis dieser außergewöhnlichen Schriftstellerin aus Ingolstadt, die in den 20er Jahren von Brecht entdeckt und in den 60ern nicht nur von Fassbinder neu gelesen wurde, könnte auch ihrer weiblichen Hauptfigur Balbina über die Lippen kommen, die ein Verlangen zum Leben hat, »dass dir Flügel herauswachsen müssten aus dem, was die anderen anschaun für deinen Buckel«.
Geschrieben 1944 bis 1945, während der Nationalsozialismus die Welt verwüstet und die Fleißer tagsüber im Tabakgeschäft ihres Mannes steht, befragt »Der starke Stamm« die sozialen Fundamente der Gesellschaft. Es beginnt mit einer Beerdigung. Sattlermeister Bitterwolf hat eben seine Frau begraben, da sortieren die Hinterbliebenen schon ihre Interessen: Die Verwandten wollen die Tote beerben. Der Vater des Hausmädchens Annerl fürchtet um die Ehre seiner Tochter im Haus des frisch gebackenen Witwers. Schwägerin Balbina will nun das Haus führen. Und Sohn Hubert ahnt, dass ihm der Vater das Kunststudium verbieten wird. Weil Balbina das Kapital der Verstorbenen bereits in ihr neues Geldautomaten-Geschäft investiert hat, wird Bitterwolf materiell von ihr abhängig. Sexuell zieht es ihn aber doch mehr zu Annerl hin, die den Witwer aus Geldgründen dem jungen Hubert vorzieht, der aber
in sie verliebt ist. Hubert lässt sich von Balbina anstellen, in der Hoffnung, mit dem Geld sein Studium zu finanzieren. So versuchen alle, ihren Schnitt zu machen, aber die Rechnungen gehen nicht auf.
So sehr sich die Figuren von der Ökonomie des Überlebens treiben lassen, so sehr verlieren sie sich. Instinktiv, hellsichtig und mit einer großen literarischen Kraft beschreibt Marieluise Fleißer die zukünftige Gründergesellschaft der neuen Bundesrepublik Deutschland. Deren Erbe hat uns bis heute im Griff.

Premiere am 24.09.2011

Kleines Haus
Dauer: 2 Stunden

Inszenierung: Julia Hölscher
künstlerische Mitarbeit: Martin Hammer
Bühne und Kostüme: Susanne Scheerer
Musik: Tobias Vethake
Dramaturgie: Charlotte Orti von Havranek
Theaterpädagogik: Angelika Andrzejewski

Mit:
Leonhardt Bitterwolf: Tobias Beyer
Hubert: Raphael Traub
Balbina Puhlheller: Martina Struppek
Bitterwolfs Schwager: Mattias Schamberger
Annerl: Zoe Hutmacher
Schindler: Andreas Bißmeier
Der Onkel von Rottenegg: Klaus Lembke
Metzgerjackl: Jan Maak