10. Sinfoniekonzert

Keiko Harada »The other side«
Anton Bruckner Sinfonie Nr. 8 c-Moll WAB 108
Orient und Okzident, Japan und Österreich, Gegenwart und »Tempi passati« treffen aufeinander, personifiziert in zwei Gestalten, die gegensätzlicher nicht sein könnten – der Japanerin Keiko Harada und dem Wiener Meister Anton Bruckner. So kann das Musikstück aus Tokio gar nicht anders heißen als »The other side« – die andere Seite, denn hier erscheint eine musikalische Gegenwelt, von der Bruckner nichts ahnte. Oder aber – die er erwünschte. Denn dieser frauenlose Komponist erträumte in seinem Leben nichts so sehr wie eine treue und verständnisvolle Gefährtin – er hat sie nie gefunden, und so geht er auf dem Konzertpodium doch noch wenigstens eine musikalische Allianz ein. Bruckners Achte handelt vielleicht auch von dieser großen und entsagungsvollen Passion. Über das unendlich schöne Adagio sagte er: »Da hab ich zu tief in ein Mädchenauge geblickt.« Gewöhnlich wischt man das beiseite. Was hätte auch ein »Mädchenauge« mit dem lieben Gott, den gotischen Kathedralen und der ganzen katholischen Himmelsreligion zu tun, mit denen Bruckners Sinfonien gewöhnlich aufmunitioniert werden?
Anton Bruckner und Gustav Mahler gehören zu den seltsamsten Komponisten des 19. Jahrhunderts. Beide schrieben nie für das Theater, aber sie waren Theaterleute. Mahler galt als der größte Operndirigent seiner Zeit. Bruckner war ein Wagnerianer ex cathedra. Er studierte die Partituren zu Wagners Musikdramen mit gründlichster Ehrfurcht und machte die Sinfonie zum Musikdrama ohne Texte. Dass es dramatisch zugeht, hört man, aber verschwiegene Texte oder verheimlichte Libretti gibt es nicht. Für die 8. Sinfonie, die zwischen 1885 und 1887 komponiert wurde, hat er wenigstens
einige Hinweise hinterlassen. Nach seinen Worten treten darin Kaiser und Zar auf, Kosaken reiten durch die Partitur, und der »deutsche Michel« singt sein Liedchen (im Scherzo) verkehrt herum und kommt immer zu spät. So ist die Sinfonie prachtvoll mit ehrwürdiger und komischer Personnage versehen.

am 17. und 18. Juni 2012

Stadthalle


Dirigent: Alexander Joel